ob ich nicht eine Rezension der Rhon-Anthologie machen würde...
Als geneigter Freund des guten Gruselns konnte und wollte ich dem nicht abschlagen, also nahm ich mir einen entspannten Nachmittag und ließ mich einsaugen in die Welt des Folk Horror.
Die Rhon-Anthologie ist verfügbar auf Amazon.
Zunächst die technischen Daten:
Die Anthologie ist 176 Seiten lang, wovon 12 Seiten Inhaltsdaten, Werbung und Autor:innen-Übersicht sind. Damit ergeben sich 164 Seiten, die am Ende dem Grusel zugestehen, aufgeteilt in 11 Geschichten von 10 bis 18 Seiten. Das heißt die Kurzgeschichten überschreiten selten das lange Maß und kommen im Schnitt auf 2500 bis 3500 Worte. Das ist für eine Anthologie okay, auch wenn ich beim Lesen gemerkt habe, dass manche Geschichten etwas mehr Zeit hätten nehmen können.
Herausgeber: Philipp Lohmann
Autor:innen: Sonja Bergermann, Wolf Dietrich, Julian Grede,
Erik Hofmann, Antje & Sven Kröpelin, Jan Ritterfeld, Felicia Scharsich,
Karl-Heinz Zapf
Nun aber zu den Geschichten:
Eröffnet wird mit "Die siebte Nacht", in welcher die frische Inquisitorin Gertrud Walser auf der Suche nach der Person ist, welche bereits auf bestialische Weise sechs Leute in und um Walburgsacker getötet hat. Die findet sie auch. Soweit so gut. Aber der Schreibstil lässt etwas zu wünschen übrig. Es ist passabel in der ersten Hälfte der Handlung zu folgen, zu sehen was Walser bereits gelernt hat und wie man damit umgehen muss, aber der manchmal flapsige Ton und ein etwas abruptes Ende der Investigation erschweren hier was sonst eine interessante Perspektive auf Rhons Inquisition sein könnte. Am Ende wirkt es lesbar, aber irgendwie auch nur passabel so. 5/10
Interessanter wird es in "Die Fliehburg", denn hier erzählt der Ich-Erzähler, nachdem sie einen sicheren Schutzort verlassen haben, wie er und die anderen innerhalb des Schutzortes ins geplünderte Dorf zurückkehren. Viele kleine Details und ein Auge für gutes Pacing lassen uns dabei miterleben, wie die dunklen Kräfte überhaupt ins Dorf kamen und warum der Erzähler am Ende überhaupt im Schutzort, der "Fliehburg" gelandet ist. Dazu rundet die Geschichte ein guter Twist ab, was der gesamten Geschichte eine neue, unerwartete Wendung gibt. 7/10
In "Westwind" begleiten wir den jungen Steen, der auf der Flucht vor Wölfen und dem Westwind zum nächsten Gehöft flieht. Aber die Wölfe lassen nicht locker und der Winter ist tief und grausam. Hier haben wir eine Geschichte, die mit einem einfachen Motiv, dem Klopfen, den Schrecken exzellent darstellt und uns mit der Perspektive des Burschen etwas geben, was uns viel zwischen den Zeilen lesen lässt. Sehr gut geeignet für das Frösteln am Abend. 8/10
An "Anna" spalten sich meine Geister. Erzählt durch den Hausdiener, hören wir vom Adelsgeschlecht der Hilfreds, vertreten durch Antoine und Sibille. Da Sibille nicht schwanger werden kann, ist jede Kindsgeburt ein großes Ereignis und die adoptierten Kinder der beiden Adligen sind gute und brave Menschen. Dann kommt über den Winter aber ein seltsamer Fremder hinzu, Gerüchte und okkulte Angst nähert sich. Als dann eine der Bediensteten selbst schwanger ihr Kind zur Welt bringt nur damit es verschwindet und plötzlich die Dame Hilfred schwanger wird, nimmt das Drama seinen Lauf. Eine umfangreiche Beschreibung für eine Geschichte, die irgendwie mein Missfallen erregt. Der Anfang ist interessant gestaltet, der Blick auf die Geschichte gut um jede Seite darzustellen, aber der Schreckensmoment ist sehr, sehr offensichtlich und das letzte Drittel ergötzt sich dann an Gore-Beschreibungen, die irgendwie unnötig und überfüllt wirken. In meinen Augen eine der schwächsten Geschichten im ganzen Band. 4/10
Nachfolgend haben wir dann "Begegnung im Mondenschein". Es verschlägt uns in den Runkelforst wo Inquisitor Feuerbrandt und seine Schergen ein Bauernmädchen, das sie als Ketzerin vermuten, verfolgen und haschen. Sie fangen das Mädchen auf einer einsamen Waldlichtung und wollen sich an ihr vergehen, ehe sie dem Scheiterhaufen übergeben werden soll, ehe ein mysteriöser Fremder auftaucht, der den weiteren Verlauf bestimmt. Diese Geschichte hat mehrere Probleme. Der mysteriöse Fremde und der Inquisitor quatschen und quatschen und quatschen in einer Tour. Man kriegt ein bisschen das Gefühl, die Leute sollten totdiskutiert werden. Gleichzeitig ist das Kapitel inhaltlich extrem angefüllt und baut eine lange und weniger komplexe als finstere Hintergrundgeschichte auf und macht dann auch noch tragische Figuren aus, die am Ende eine Träne verdrücken dürfen. Hach, Herzschmerz. Würg. Sorry, aber diese Geschichte liest sich ein bisschen, als wäre der Schreibauftrag fehlgegangen, weil hier Antihelden das Bild regieren und gleichzeitig innerlich zerrissen sein müssen. Das kann interessant sein, aber dem wird hier die Geschichte nicht gerecht. Nur einen Teil der Geschichte hätte gereicht, um eine ähnliche Tiefe auszudrücken und trotzdem spannend zu sein. Zu guter Letzt sind die Schergen hier auch noch dermaßen finster, dass man das Gefühl kriegt, sie wären einem Schnurrbart-zwirbelnde Temu-Varianten von Berserk-Charakteren. 4/10
Der Codex Sacer zeigt uns "Heulende Nacht", einen Adeptenbericht der Kreuzkirche, der über Wesenheiten spricht, die als "Ylfen" und "Heulende Nacht" bezeichnet werden. Dabei sind die Beschreibungen von unzähligen Augen wo keine sein dürften, parasitärer Existenz die am Ende den Wirt zerstört und dunklen Ereignissen durchaus interessant, aber leider auch so staubtrocken geschrieben, dass es zwar dem wissenschaftlichen Arbeiten Freude machen würde, aber als Novellierung hier eher hinderlich ist. So ist dann auch der Schrecken eher eine "Intellektualis Interruptus", denn ein starker Grusel. Naja. 5/10
Für "Das Gemälde" widmen wir uns wiederum einem Klassiker der Gruselfront, denn der Ich-Erzähler bekommt von seinem besten Freund Phahul ein Gemälde geschenkt, und zwar das von Phahuls verstorbener Ehefrau, Ellika. Er hängt das Bild erstmal über dem Kamin auf, aber dann fangen plötzliche seltsame Ereignisse an. Horrorfans werden jetzt schon die Alarmglocken schrillen und tatsächlich, es ist ein klassisches Motiv, aber schön und bündig erzählt. Wir begleiten mit lautmalerischen Worten und de, steigenden Wahn des Erzählers dabei die Ereignisse bis zu ihrem erwartungsgemäßen Ende. Kann man gut weg lesen. 7/10
Mithin am stärksten fand ich tatsächlich "Der Bergsee", denn hier ist das Grauen eines, das mit den Lesenden sitzen bleibt, weil es in einem einzigen Satz steckt. In dieser Geschichte begleiten wir Godwin, bald werdender Vater, wie er mit seinem Freund Alrik den Bergsee findet und dort fischt, weil es ein guter Fanggrund ist. Und dann, aus den Augenwinkeln eine bildschöne Frau sieht. Aber gleichzeitig ist im Dorf seine hochschwangere Frau, die Alma, die jeden Tag erneut auf seine Rückkehr wartet. Daraus entspinnt sich eine feine und sehr schöne Geschichte über Begehren, Zukunft und Lügen, die am Ende die Lesenden mit der Frage zurücklässt, wie es weitergehen wird, obwohl man sich denken kann, dass es kein gutes Ende nimmt. Das ist schon überraschend hochklassig und zeigt, wie nahe in Rhon etwas urtümlich-finsteres und das alltägliche-ignorante existieren kann. Gut! 8/10
Nicht so gut ist dann leider "Pein" geworden. Der Ich-Erzähler ist Teil einer Söldnergruppe auf dem Weg zur Schlacht gegen das Barbarenvolk, um auf Seiten der kaiserlichen Truppen zu kämpfen. Dafür jedoch müssen sie durch die unerforschten Gebirge nahe der Totenrinne. Hier ist der Name Programm. Allenthalben lang sterben Leute, wir lesen Namen, es wird viel gestorben und manches Mal gewütet, aber so richtig Stimmung will nicht aufkommen, denn es ist ohne emotionale Bindung, die Charakterbeschreibungen sind leer und die Handlung plätschert in ihrer dargelegten Art eher voran wie zähes Leder im großen Fluß Ankh-Morpork. Sicherlich eine der schwächeren Geschichten, die wir hier haben, auch weil die Beschreibungen für einen Söldling, der eigentlich manches Mal um seine gefallenen Kameraden, "Brüder, wie ich sie mal nannte" zwar ein Aufheben macht, aber wir als Leser nie wirklich eine Bindung zu den Charakteren bekommen. Einzig der Kommandant und der Späher kommen in ein paar Sätzen mehr vor, nur um dann traurig zu enden. Überhaupt hatte ich beim Lesen oft das Gefühl, dass hier jemand viel Berserk kolportiert, ohne wirklich verstanden zu haben, worum es dabei geht. Schade eigentlich, nur 4/10
Bei "Die Probe" hingegen haben wir eine sehr kurze, aber sehr prägnante Geschichte, denn aus der Perspektive der jungen Erzählerin merken wir nur, wie wir in einen Raum gesperrt wurden und unsere Eltern missmutig und traurig wirken. Als wir später rausgelassen werden, aufgemacht und schön gekleidet, zeigt sich erst die wahre Grausamkeit der Situation, denn die Eltern liefern das Kind aus. Eine der Geschichten, über die ich im Nachhinein mehr nachgedacht habe, weil hier in wenigen Zeiten vieles ausgesagt wird und wir aufgrund der kindlichen Perspektive als Lesende mehr sehen als die Erzählende, was dem Ganzen eine zusätzliche, tiefere Schwere verleiht, denn wir erblicken bereits das Grauen. 7/10
Den Abschluss machen "Die Räuber". Nordmänner überfallen ein Südländer-Dorf, die Charaktere vergehen sich an den gefangenen Frauen, eine alte Dame muss gequält und unter Todesschmerzen versuchen, das Leben ihrer Tochter zu schützen und setzt sich dafür selbst dem Tod aus. Eigentlich ist das eine sehr schablonenhafte, aber auch starke Abrechnung mit dem Mordbrenner-Motiv, das vermutlich sogar noch deutlich mehr Text vertragen hätte, leider zieht gerade das letzte Drittel den Gore-Faktor nochmal nach oben, was einen Punkt Abzug in der B-Note macht, aber es bleibt trotzdem lesbar. 6/10
Wo verbleiben wir jetzt? Bilden wir mal das numerische Ergebnis, dann kommen wir auf 5,91 von 10 möglichen Punkten. Insgesamt gerade noch passabel mit einem leichten Hang nach oben. Es ist sicherlich nicht die hohe Literatur des Horror-Genres, aber als altmodischer Leser habe ich schon deutlich schlimmeres gesehen und kann sagen, dass man die Anthologie getrost als guten Einstieg in das Genre und die Welt von Rhon betrachten kann.
In diesem Sinne
Cheers.
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