20160508

Fall 1 - L

Der stürmische Wind hat einen Affenzahn drauf, während er und der Regen um die Wette eifern, wer mir zuerst die Haut abziehen kann. Das Wetter ist so schlimm, wie schon lange nicht mehr, und man könnte fast meinen, Sturmflut-Verhältnisse voraus zu sehen. Die Sichtweite ist nicht einmal weit genug, um vom Pier aus den Rand der Green Bay zu erblicken, geschweige denn den Rest der Umgebung.

Mit einem kurzen Sprint erreiche ich, immer wieder leicht vom Kurs abgebracht, endlich die Straße. Ein schneller Blick zu meiner Linken und Rechten, aber in beide Richtungen nichts los. Kein Wunder, an diesem Pier.

Bleibt mir nichts anderes übrig, werde ich weiter durch den Regen eilen müssen. Der hingegen macht kein Anzeichen, irgendwann schwächer zu werden. Ganz im Gegenteil, mit ein paar kräftigen Blitzen zuckt es noch ein paar Mal ordentlich. Einer davon schlägt mit einem lauten Krachen irgendwo in den Docks ein.

Durch Pfützen und Lachen, immer wieder am Straßenrand am Navigieren, komme ich zu einer Zweigstraße. Hier muss doch irgendwo...da vorne! Eine Bushaltestelle. Ein Trauerspiel ohne Gleichen, aber was soll ich machen.

Als ich endlich den Unterstand erreicht habe, ist der Schritt ins Trockene ein ungewohnter, aber angenehmer Segen. Zudem bin ich, angesichts der aktuellen Umstände wenig verwunderlich, der einzige, der jetzt hier steht und wartet. Ein kurzer Blick auf den Fahrplan.

Hmm. Welcher Tag ist heute? Wie spät ist es? Das...ist jetzt scheiße. Ich kann nicht mal sagen, ob, und wann ein Bus fährt. Super. 

Zeichner - Wenigstens im Trockenen.

Im nächsten Moment rauscht ein LKW vorbei. Fährt direkt durch eine größere Pfütze. Der Schwall Wasser, entfesselt, zieht sich direkt gegen meinen Oberkörper. Ich reiße noch die Arme hoch, versuche mich wegzudrehen, aber es ist zu spät. Was vorher noch ansatzweise trocken war, ist nun gänzlich unter Wasser gesetzt.

Zeichner - Ich und meine große Fresse.

Bringt doch alles nichts. Setze mich für den Moment auf die Bank. Lehne den Kopf zurück. Und warte. Vor meinen Augen könnte jetzt die Welt untergehen, es wäre mir egal.

Zeit vergeht. Zeit, in der ich mir Gedanken mache.

Selbst wenn, ich kann Rieé eh nicht erreichen. Erst mal ein neues Mobiltelefon besorgen. Spuren? Ich weiß, dass Mokhovs Wohnung von einer Frau in einem Schuppenkleid leer geräumt wurde, bevor Rassila dort war. Dass Smetnik selbst, genauso wie Mikhail Rassila und seine Frau hinter "Tatianna" her sind. Ebenso wie eine Gruppe von White-Power-Faschisten. Und das Matthews als Versorger von "leichten Mädchen" im Hintergrund mit Spritzer da drin hing, vermutlich Fouquier versorgte, oder von diesen seine Mädchen bekam.

Ein Schauer geht mir über den Rücken, beim Gedanken daran, wie lange dieses Monstrum schon aktiv gewesen sein muss. Es muss doch so ein natürlicher Ekel sein, der sich da zeigt.

Und Fouquier wiederum hat für jemanden namens Kaltenstadt gearbeitet. Ein Deutscher? Wäre wenig überraschend, wenn ich darüber nachdenke, dass ja auch der deutsche Attachée, Altenstamm involviert ist. Aber wie passt das mit Fouquiers Aufzeichnungen zusammen? Wie aus seinen Aufzeichnungen hervor ging, hat er die Mädchen über einen Menschenhändler-Ring bezogen und dann konditioniert. "Auf Kundenwunsch". Jemand wollte ein ganz bestimmtes Aussehen. Ein bestimmtes Verhalten.

Es erklärt aber auch die Verwicklungen. Selbst das bisher rausgefundene würde reichen, um ein paar dieser Personen arge Schwierigkeiten zu bereiten. Ein Skandal, der also tiefe Spuren hinterlassen kann. Das erklärt also, warum sie alle so verbissen hinter der Sache her sind.

Aber Rassila hat, zu mindestens so der Kenntnisstand, zuerst nach Tatianna suchen lassen. Mokhov ist vor den MiB abgehauen, welche ihn verfolgt haben, wurde aber später von Smetnik eingefangen. Für den er wohl auch gearbeitet hat. Und wenn man an das Bild in seiner Wohnung denkt, scheint zwischen Mokhov und "Tatianna" mehr gewesen zu sein. Aber war das Tatianna #2?

Und laut Fouquiers Bericht hat er vor einiger Zeit eine #3 ausgeliefert. Wie vom guten Onkel Doktor bestellt. #2 hat sich gegen die Konditionierung gewehrt und ist untergetaucht. Neues Aussehen und zuerst bei Smetnik und dann mit Mokhov? Oder sogar zuerst bei Rassila, dann Smetnik und zuletzt Mokhov? Aber wie gelangte sie dann zu Rassila?

Stimme - Hey. Mister. Wollen sie jetzt mit oder nicht?

Die Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Gänzlich unbemerkt von mir hat sich ein kleiner Stadtbus herangeschlichen und steht momentan mit offener Fahrertür vor mir, während der Busfahrer, ein schrumpeliger kleiner Mann mittleren Alters, der mich ein bisschen an einen Basset.

Ich springe auf, etwas unbeholfen, zugegeben, und drücke die Jacke etwas dicht, damit ihm nicht gleich die Colt in der Jackeninnentasche ins Gesicht springt. Komme auf die vordere Bustür zu, die noch immer offen steht, während ein Schwall von Wasser sich langsam, wie ein kleiner Bach anfängt daran runter zu lassen, während der Regen mit unverminderter Stärke die Umgebung aufpeitscht.

Zeichner - Ja. Ja, Entschuldigung, komme.

Im Bus angekommen, guckt er mich mit großen Augen an, zeigt mit einer Hand auf seinen Fahrkarten-Apparat. Mist. Leicht grummelig zücke ich meine Brieftasche. Er lässt mich durch.

Der Bus ist beleuchtet, beheizt, fährt einmal durch die halbe Stadt und ist zu diesem Zeitpunkt mit 3 weiteren Personen besetzt, ein junges Paar, das, offensichtlich eher miteinander beschäftigt ist, während ein älterer Herr auf der Rückbank seinen Rausch ausschläft. Ich suche mir einen Platz an der Fensterscheibe, während ich vernehme, wie die vordere Bustür geschlossen wird, und der Bus Fahrt aufnimmt.

Ein Blick auf die Uhr schockiert etwas. Kurz nach 15h. Der Tag ist größtenteils verstrichen. Im Hintergrund dudelt seichte Musik auf einem lokalen Stadtsender, während Regentropfen gegen die Fensterscheibe prasseln.

Straßenzüge ziehen an uns vorbei, während wir schließlich die Hochstraße erreichen und das Stadtviertel wechseln. Die Straßen sind leer. An verschiedenen Stellen kann ich Sperrungen sehen, selbst auf den Straßen selbst ist kaum was los, was bei diesem Wetter aber auch nicht weiter verwunderlich ist.

Radio - ...love me tender....love me sweet....never let me go...

Der Regen wäscht wie eine Sintflut den Schmutz von allem, das er berührt. Er ist wie eine Hand, die reinen Tisch macht. Die einmal über die Oberfläche fährt, und alles davon fegt, das sich nicht dagegen halten kann. Und am Ende bleibt nur eine unberührte Oberfläche. Sauber. Rein. Leer.

Radio - ...wir unterbrechen das Programm für eine kurze Sondermeldung....

Ich hasse sowas. Es macht mich schläfrig, obwohl ich doch schon Stunden hinter mir haben muss. Das dumpfe Pochen meiner Schulter macht es nicht besser und die Mischung aus Wärme und seichtem Hintergrundgeräuschen drücken mich langsam ins Dösen. Nein! Muss Augen auf...aufhalten.

Radio - ...schwerste Sturm seit Beginn der Wetteraufzeichnung....

Wir halten an einer Ampel. Neben uns ein einsames Taxi von TTCT, auf dessen Dach eine Werbereklame prangt und für irgendwelche Lokalitäten Werbung macht. Eine Diskothek namens "El Pertubador" und einen Themen-Club. "Das Neptun". Schießen auch aus dem Boden wie Unkraut heutzutage, diese Dinger. Also die Disco. Das Neptun ist ein angesehenes Etablissement des Hafens, in dem die Bonzen ein und ausgehen. Auch wenn ich selber noch nicht dort war, weiß ich, dass eine Reservierung Monate im Voraus getroffen werden muss, um einen Tisch ergattern zu können.

Wir fahren eine ganze Weile, ehe wir die Kreuzung an der Ecke des Hudson Drive erreichen. Selbst in diesem Wetter sollte ich hier gut zu Fuß noch weiter kommen. Ich steige aus, und spüre schon beim Aussteigen, das die Entscheidung irgendwie unschön war, wie Wind und Wasser mir das Gesicht zerfurchen.

Ich springe zu meiner linken, erst einen, dann einen zweiten Block, über die Kreuzung des Hope Drive und dann in die hintere Gasse. In einiger Entfernung kann ich das stumpfe Leuchten erkennen. Die Lichter von "Hope´s End". Dem Kostümverleih.

Glück. Der Laden hat offen. Ein ironischer Name, angesichts der Tatsache, dass die Ansammlung an Kostümen hier drinnen gut und gerne ein Filmstudio versorgen könnte. Als ich die Tür gegen den Wind endlich hinter mir zu bekommen habe, bemerke ich erst, wie riesig die gesamte Auswahl ist. Unzählige Reihen über mehrere Stockwerke an verschiedenen Kostümen und Umkleidekabinen. Ein veritables Kaufhaus an Verkleidungen, möchte man meinen. Im Zentrum, eine Auswahl an günstigeren oder wohl mit "Makel" versehenen Artikeln zum Erwerb. Eine kleine Kasse mitsamt Hintertür am anderen Ende des Raumes, an dem eine Dame mit einer Brille sitzt, das ich das Gefühl habe, ich starre auf eine Eule.

Sie schaut mich ebenso an. In der Kombination von Kleidung ist das natürlich kein Wunder, während ich mich dem Tresen nähere.

Zeichner - Hallo.

Verkäuferin? - Guten Tag, Sir. Womit können wir Ihnen behilflich sein?

Zeichner - Ich benötige eine...Auskunft. 

Kann ich das so sagen? Haben sie überhaupt eine Verpflichtung, mir etwas zu sagen? Ich brauche etwas, das mir Zugang gibt...hmm. Sie guckt mich, etwas verwundert wohl, an, scheint sich aber nichts anmerken zu lassen.

Verkäuferin -  "Gerne". Hat es etwas mit uns zu tun oder benötigen sie eine Richtungsangabe?

Zeichner - Nun. Es geht um Schuppen.

Verkäuferin - Als Aufsatz oder für ein Kostüm? Fisch oder Schlange?

Zeichner - Okay, da bin ich nicht ganz sicher. Sehen sie, meine Bekannte hatte letztens eins an, das sah schon sehr...sagen wir mal ...."aus", an ihr. Ich würde mich dafür interessieren, ob sie wohl so eins hier haben.

Verkäuferin - Das ist sehr vage. Können sie es genauer beschreiben?

Zeichner - Nun, es ist wohl ein ...Fisch....Kostüm.....Kleid?

Jedes meiner Worte strapaziert ihre Nerven. Klar, wenn man nicht genau sagen kann, wie das gute Stück aussah.

Verkäuferin - Mit einem solchen können wir leider momentan nicht dienen, die sind alle verliehen. Können wir ihnen vielleicht etwas anderes anbieten?

Drucksen Zeichner! Drucksen!

Zeichner - Nun...ich würde es gerne...meiner Freundin zeigen und...habe kein Bild davon. Wissen sie...

Sie schaut mich an. Durch die riesige Brille wirkt es, als ob sie die Augen eines Uhus hätte, und der Blick in die gigantisch vergrößerten Pupillen hat etwas furchtsames, geradezu erschreckend Seltsames.

Verkäuferin - Nun, sie können unsere Kostüme ja auch sehen. Wir arbeiten mit einigen Etablissements der Umgebung zusammen. Vielleicht haben sie da die Chance, das Kostüm wieder zu finden? Wenn sie es genauer wüssten, könnten wir es ihnen eventuell fürs nächste Mal reservieren.

Zeichner - Ach, wirklich? Wo kann ich die denn begutachten?

Verkäuferin - Wir haben aktuell eine Themenkollektion an das Neptun ausgeliehen.

Zeichner – Ach so, na, dann sollte das doch kein Problem sein. Dankeschön.

Ich wende mich ab. Bleibe schlagartig stehen. So kann ich unmöglich zum Neptun latschen. Davon abgesehen, dass ich keinen Termin habe, würden sie mich so auch nicht rein lassen. Was für ein Anblick. Zwei unterschiedliche farbige Socken in einem paar roter Sneaker, einer grauen Jeans-Hose, Hawaii-Hemd und einer Halbleder-Jacke. Ich sehe aus, als wäre ich aus einer Altkleider-Tonne gekrabbelt.

Ich wende mich wieder zu ihr. Lege mein charmantestes Lächeln auf.

Zeichner - Sagen sie mal, haben sie zufällig etwas in der Richtung Spion und Abendgarderobe?

20160505

QUILL - Zwischenstand

Passend zum begonnen Frühling 
und angesichts der guten und schönen Sonnentage, 
die hoffentlich alsbald vor uns liegen, 
ein kleiner Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Was ist meine Einschätzung zu QUILL, nachdem ich die ersten Szenarien geschrieben habe?

Ich finde es durchaus nicht unspannend, sogar etwas interessant, aber im Grunde genommen finde ich es schwierig, dieselben Szenarios immer und immer wieder anzufassen um sie mit einem anderen Charakter "etwas anders" zu schreiben.

Vielmehr denke ich, dass der Wiederspielwert, was für eine Solo-Variante unerlässlich ist, hier etwas gering ausfällt. Verständlich, aber auch etwas traurig, denn immerhin kann so nicht garantiert werden, dass man immer wieder dahin zurückkommt.

Gleichzeitig erscheint mir das ganze inhaltlich "zu einfach". Wie man anhand meiner Briefe gesehen hat, erscheint es durchaus so, dass bestimmte Typen von Aktionen zu stark belohnt werden, während es zu wenig Strafpunkte gibt.

Da aber nur jedes verbesserte niedere Wort einen Malus gibt, wird man so mit Punkten überhäuft. Überhaupt fehlt hier irgendwie der Trade-Off.

Trade Off? Klar, die Idee, dass man etwas haben will, indem man was anderes dafür aufgeben muss. Und in QUILL musste ich bisher nichts aufgeben, um die Briefe fast immer extrem gut abzuschließen. Überhaupt, es scheint nur einige wenige Personen/Schreiberlinge würden regelmäßig durchfallen, während andere überhaupt nicht in der Lage sind, zu scheitern.

Ich werde QUILL natürlich abschliessen, denn als nächstes widmen wir uns der Erweiterung "Love Letters", in welchem Liebesbriefchen geschrieben werden sollen. Ich lass mich mal überraschen, inwiefern das meinem Antrieb entspricht....

20160502

THE FRONT

Ein Nachbericht. 

Gestern im Rahmen eines Rollenspiel-Oneshots einmal "The FRONT", einen OSR-Stil Hack über den zweiten Weltkrieg getestet. Die Spieler waren überrascht über die Wahl, aber letztlich konnte man sich schnell einfügen. Und dank der allgemeinen Gelehrtheit über den Konflikt war es auch recht einfach für die Spieler, sich einzufügen.

Angefangen als "Ein paar amerikanische Jungs werden über den großen Teich geschippert um auf dem Kontinent zu kämpfen", mussten die Spieler erstmal ihre Werte auswürfeln, und dann wurde im Rahmen eines Bootcamps ihnen eine Klasse verliehen. Das sorgte zuerst für Gemecker, lief aber dann auch recht gut.

Nach der kurzen Zeit im Bootcamp geht es Richtung London. Die ersten Gerüchte machen die Runde, womöglich geht es nach Italien, oder Afrika. In beiden Fällen, etwas angenehmere Gebiete.

In der nächsten Nacht werden sie um 3h morgens geweckt. Plötzlich heißt es, Uniform an, Waffen schultern, ab in die Landungsboote. Halb verschlafen, müde, völlig fertig. Mit den Jungs der restlichen Kompanie in die Boote gestopft. Dann heißt es, rüber über den Kanal. Auf einmal werden alle wach.

Das Wetter ist scheiße. Halb diesig. Die Luftunterstützung kaum da. 
Und als ich den Omaha-Beach Sound anmache, wird auch dem letzten klar, was jetzt kommt.

Es knallt an allen Ecken und Enden. Die ersten 3 Reihen kommen nicht einmal mehr lebend an den Strand, ehen sie aus den Booten stolpern können, während um sie herum Chaos, Tod und Verzweiflung herrschen. Deutsche Bunker-Anlagen nehmen die Landung schon im Ansatz mit schwerem MG-Feuer auseinander, während hinter den Spielern die Sherman-Panzer am Strand versumpfen, weil sie ungenügend vorbereitet waren auf raue See und Bedingungen einer amphibischen Landung.

Unter herben Verlusten gelingt es den Spielern, sich hinter Panzersperren zu retten, wo sie mitbekommen, wie ein britischer Jäger abgeschossen durch die Barrikaden brettert und ihnen den Weg die HÜgel hinauf freimacht, nachdem ein Sperrwall von Stacheldraht verhindert hatte, dass sie durchkommen, und keiner von ihnen mit dem Sprengstoff umgehen konnte.

Kaum sind sie aber an den Befestigungen angekommen, ein Scharfschütze, sowie ein dazu kommender Radpanzer der Deutschen, der Probleme macht, während sie im Hintergrund beobachten können, dass die feindlichen Elite-Divisionen sich währenddessen zu einem breit angelegten Rückzug bereit machen.

Ein kleiner Zeitsprung. 

Ein paar Stunden später. Mittlerweile mit einem Jeep ausgerüstet, der geborgen werden konnte, soll ihr Trupp in einem nahegelegenen französischen Dorf eine Reihe an Versorgungsgütern bergen, welche während der Luftlande-Operation hinter den feindlichen Linien abgeworfen wurde.

Nachdem sie sich dem Städtchen nähern und das erste MG-Nest ausräuchern, finden sie heraus, dass der zentrale Punkt der Stadt, die kleine französische Kirche, schwer befestigt von den Deutschen mit Sandsäcken, MGs und einem TIGER-Panzer. Chaos. Das schwere Feuer des Tigers fegt den Widerstand der amerikanischen Truppen weg.

Im Versuch, Deckung zu finden,  zerreisst es den Corporal, als der Tiger ein Ziel findet, während die Spieler HERR DOKTOR und HELMUT treffen, seinen Übermensch-Leibwächter. 

Während dieser nach und nach alle Hindernisse aus dem Weg räumt, werden die amerikanischen Soldaten im Abwehrfeuer dezimiert. Die wenigen, die überleben, werden eingesammelt und vom Mini-Mengele mitgenommen.

Ein weiterer Zeitsprung. 

Eine unbekannte Zeit später. Die Spieler erwachen in einem Laborraum und blicken durch eine Fensterwand inmitten eines Untergrundbunkers auf ein Labor, in dem HERR DOKTOR gerade an einem ihrer Kameraden seltsame Experimente durchführt, ihnen ankündigt, dass seine Armee von ÜBERMENSCHEN alsbald den Alliierten Einfall aufhalten wird, auch gegen den Befehl des Führers, und dass die Spieler die nächsten sein werden. Aufgrund dringender plot-relevanter (also für das Entkommen ;)) Ereignisse ist HERR DOKTOR aber gezwungen, zu überprüfen, was genau draußen gerade vor geht und lässt die Spieler mit einer einzelnen Wache alleine.

Den Spielern gelingt es schnell, die Wache zu überwältigen, und man schleicht sich durch eine größere Halle voller noch kampfunfähiger Supersoldaten, während im Hintergrund das Licht flackert und Erschütterungen den Putz von den Wänden hauen. Schnell erkennt man Artillerieeinschläge. Die Kompanie belagert die Burg, in der man sich befindet, bereits. 

Währenddessen ballert sich die Spieler-Truppe durch die Burg immer weiter hinauf, als sie den Burg-Innenhof erreichen. Dort können sie sehen, wie HERR DOKTOR bereits die VZ (Vergeltungswaffe Zombie) bereit macht, um damit auf New York zu feuern. Das muss natürlich verhindert werden. Auf dem Weg durch den Burgfried ballert man sich durch große Sääle und an gestohlenen Kunstschätzen vorbei, während der Countdown läuft.

Schliesslich, nachdem unzählige Elite-SS-Zombies gefallen sind, erreichen sie das Dach. Das letzte Hindernis? HELMUT und HERR DOKTOR persönlich. In einer kleinen Götterdämmerung opfert sich einer der Spieler um HELMUT endgültig mit sich zu nehmen, während die anderen beiden HERR DOKTOR mit Kugeln vollsieben.

Schliesslich, die letzten Sekunden. Es werden Kabel rausgezupft. Man versucht alles an der Steuerung. In einem verzweifelten Versuch drückt ein Private den großen roten Knopf. Die Rakete start. Hebt ab. Richtung New York. Naja, denkt sich eine Spielerin. Viel ändern wird sich in New York wohl nicht.

Fazit: Den wohl beknacktesten deutschen Nazi-Supersoldaten-Doktor gespielt, und wir hatten durchaus viel Spaß. Es war mordsgefährlich, mehrere Personen gingen "öfter mal down", mindestens ein Spieler wurde mehrfach verkrüppelt mitsamt PTSD aber was für eine lustige Partie. Das Spielsystem war lustig, wenngleich manchmal etwas müßig, inhaltlich war vielleicht etwas wenig dran am Regelgerüst, aber das ist ja ein altbekanntes Problem für solche OSR Hacks. Insgesamt nett für einen Oneshot.

20160429

QUILL VI - An Seine Majestät

Unser vierter Brief.  

Alberich von Herbenstadt. Nach dem Begräbnis von Roberto konnten wir uns der Herzlichkeit unseres alten Freundes Antonio versichern, mit welchem wir auch nach der Trauerzeit wieder mehr verkehrt haben. Nun ist uns aber etwas zu Ohren gekommen, das uns, so wir denn zu handeln bereit, den Kopf kosten könnte...

Zur Erinnerung:
Gelehrter - Federführung: 2 - Sprache: 3 - Herzlichkeit: 1
An Eure Majestät
Profil
Unser Brief geht an seine Majestät, Maximilian I, den wir nur zu einer einzigen Gelegenheit getroffen haben. Er gilt im Volke als Tyrann, unbeliebt und verhasst, seine Kriege sind unpopulär, seine Reformen gelten als diktatorisch. Trotz alledem ist er Kaiser und König, Gesalbt und Erwählt von päpstlichen Gnaden. Wir schreiben ihm nun, um ihn darüber zu informieren, dass ein wahrlich bedenklicher Kerl sich vor Ort rumtreibt, von dem wir glauben, dass er ein Spion sein könnte, oder gar ein Attentäter! Wir müssen seine Majestät davon überzeugen, dass wir kein tobender Irrer sind und unsere Bedenken ernstnehmen, während wir Höflichkeit und Distanz bewahren.

Korrespondenz-Regeln

- Seine Majestät verdient nur das beste Blatt. Es müssen alle Würfe auf Herzlichkeit und Federführung einmal wiederholt werden. Das zweite Ergebnis zählt, selbst wenn schlechter.
- Um dem Anspruch gerecht zu werden, nutzen wir hoch-qualitatives Pergament und ein Siegel, welches wir von unserem Freund, dem Erzherzog erlangt haben, was uns +1W auf Federführung gibt.
- Höflinger erhalten ob ihrer Nähe zum Hofleben +1W auf Herzlichkeit für dieses Schreiben

Tintenfass

Maximilian/Eure Majestät; Schmiede/Schmied; Amüsanter Bursche/Eigenartiges Individuum; Versteckt/Verborgen; Gift/Tödliche Tollkirschen; Großer Typ/Imposanter Mann; Kuhstall/Scheune; Beharrte Lippe/Schnurrbart; Gammliges Gesicht/Vernarbtes Antlitz; Bedenklich/Alarmierend

Unser Brief

Königliche Hoheit,

ich bitte vielmals um Verzeihung, euch mit meinem Schreiben zu belästigen, ehrenwerter (Schnörkel > Herzlichkeit > 2 > -) (Schnörkel > Herzlichkeit > 2 > -) Eure Majestät(Wort > Sprache > 4,4,5 > +) , aber ich kam nicht umhin, euch davon zu berichten, dass dieser Tage es mir bangt um Euch, Eure Sicherheit.(Satzende > Federführung > 1,5,6 > +) (Satzende > Federführung > 1,4,5 > +)

Ich will in wenigen Worten berichten, was geschah, und bitte um inständige Vergebung, denn eure Zeit ist kostbar, und ich will sie nicht verschwenden. Ich war dereinst dieser Tage der geschwätzigen(Schnörkel > Herzlichkeit > 2 > -) (Schnörkel > Herzlichkeit > 6 > +)  Schmiede(Wort > Sprache > 1,3,3 > -) auszuweichen, wie mir ein eigenartiges Individuum(Wort > Sprache > 5,5,5 > +) über den Weg lief, ein Kerl, der, so bemerkte ich rasch, nur darauf auf sein konnte, mit all seinem Gehabe etwas heimlichst(Schnörkel > Herzlichkeit > 5 > +) (Schnörkel > Herzlichkeit > 3 > -) zu verbergen(Wort > Sprache > 5,6,6 > +) .(Satzende > Federführung > 2,4,4 > -) (Satzende > Federführung > 1,2,4 > -)

Es war, so schrecklich es sein muss, verwerflichstes(Schnörkel > Herzlichkeit > 3 > -) (Schnörkel > Herzlichkeit > 4 > -) Gift(Wort > Sprache > 2,4,4 > -) , was meinem Blicke nicht entging, denn ich habe stets ein Auge auf solche Dinge, und wagte es deshalb, so gebe ich zu ob meiner schrecklichen Neugierde, nur, diesem seltsamen(Schnörkel > Herzlichkeit > 1 > -) (Schnörkel > Herzlichkeit > 4 > -) , Imposanten Mann(Wort > Sprache > 2,3,5 > +) zu folgen, dessen Schritte uns zu einer nahegelegenen, stinkenden(Schnörkel > Herzlichkeit > 2 > -) (Schnörkel > Herzlichkeit > 3 > -)Scheune(Wort > Sprache > 1,4,6 > +) brachten.(Satzende > Federführung > 1,5,5 > +) (Satzende > Federführung > 2,3,5 > +)

Diesen verzogenen(Schnörkel > [Herzlichkeit] > 1,3 > -) (Schnörkel > [Herzlichkeit] > 2,6 > +)Schnurrbart(Wort > Sprache > 1,4,6 > +) könnte ich jederzeit wieder erkennen, und weiß doch, dass das dazugehörige, vernarbtes Antlitz(Wort > Sprache > 2,4,6 > +) , das ich fürderhin hier nie zuvor sah, nur einem Schurken angehören könnte.(Satzende > Federführung > 1,6,6 > +) (Satzende > Federführung > 3,5,5 > +)

Es war für mich höchst(Schnörkel > Herzlichkeit > 4 > -) (Schnörkel > Herzlichkeit > 2 > -) alarmierend(Wort > Sprache > 3,4,5 > +) , diese Gestalt zu beobachten, wie sie Erkundigungen in der gesamten Stadt einholte. Als ehrenwerter Bürger und stetiger Diener der Herrschaftlichkeit konnte ich nicht umhin, euch zu benachrichtigen.(Satzende > Federführung > 2,5,6 > +) (Satzende > Federführung > 2,2,4 > -)

In tiefster Loyalität,
Alberich von Herbenstadt

Das Ergebnis
Wörter: +,+,+,+,+,+,+,+
Verschnörkelungen: -,+,
Federführung:+,+,+

Konsequenzen

Seine Majestät, Maximilian I., schreibt uns persönlich und drückt uns seinen größten Dank aus. Er hat seine Garde bereits in Position und ist zuversichtlich, den Schurken zu schnappen. Als Instigator dieses Ereignisses lädt er uns an seinen Hofe als seinen persönlichen Ehrengaste ein.

Der Brief in Reinform
Königliche Hoheit,

ich bitte vielmals um Verzeihung, euch mit meinem Schreiben zu belästigen, Eure Majestät, aber ich kam nicht umhin, euch davon zu berichten, dass dieser Tage es mir bangt um Euch, Eure Sicherheit.

Ich will in wenigen Worten berichten, was geschah, und bitte um inständige Vergebung, denn eure Zeit ist kostbar, und ich will sie nicht verschwenden. Ich war dereinst dieser Tage der geschwätzigen Schmiede auszuweichen, wie mir ein eigenartiges Individuum über den Weg lief, ein Kerl, der, so bemerkte ich rasch, nur darauf auf sein konnte, mit all seinem Gehabe etwas zu verbergen.

Es war, so schrecklich es sein muss, Gift, was meinem Blicke nicht entging, denn ich habe stets ein Auge auf solche Dinge, und wagte es deshalb, so gebe ich zu ob meiner schrecklichen Neugierde, nur, diesem, Imposanten Mann zu folgen, dessen Schritte uns zu einer Scheune brachten.

Diesen verzogenen Schnurrbart könnte ich jederzeit wieder erkennen, und weiß doch, dass das dazugehörige, vernarbtes Antlitz, das ich fürderhin hier nie zuvor sah, nur einem Schurken angehören könnte.

Es war für mich alarmierend, diese Gestalt zu beobachten, wie sie Erkundigungen in der gesamten Stadt einholte. Als ehrenwerter Bürger und stetiger Diener der Herrschaftlichkeit konnte ich nicht umhin, euch zu benachrichtigen.

In tiefster Loyalität,
Alberich von Herbenstadt

20160426

Fall 1 - XLIX

Es ist wie ein Blitzschlag. Ein Donnerhall. Ich bin wach. Meine Augen sehen das scheinbar noch nicht so. Nur langsam kann ich sie aufmachen, aufdrängen. Mein Schädel ein einziges, in Watte gehülltes, etwas.

Die Umgebung noch nicht ganz klar. Ein paarmal Blinzeln. Die Sicht wird schärfer. Immer noch auf der Krankenliege. Das dumpfe Licht, das durch die einsamen Fenster am oberen Hallenrand herunter schaut ist grau und trüb, selbst von hier aus kann ich das stetige Plätschern des Regens vernehmen.

Immer noch stehen in wenigen Metern die großen Maler-Vorhänge, hängen an Metallstangen oder wie Trennwände an den Decken, während die Halle selbst nur punktuell beleuchtet zu werden scheint.

Ein Klackern, wie die Tasten einer Tastatur, in einiger Entfernung, hallt leise durch die Halle. Ich schüttele mich, und die gesamte Liege wackelt. Komme vorsichtig hoch. Noch immer fühlt sich meine Seite an wie totes Fleisch.

Die Füße über den rechten Rand hebend, langsam aus der Decke schlüpfend, kommen meine Füße heraus und in der Luft, dann auf dem Fußboden an. Kalt. Dreckig. Ein leises Knistern. Vermutlich nur Staub und Dreck. Hebe mich langsam komplett von der Liege hoch. 

Ein kurzer Blick zu den medizinischen Geräten zu meiner Rechten. Ich habe ehrlich gesagt keinen Schimmer, welchem Zweck diese Dinger dienen könnten, mit Ausnahme natürlich des Kardiograms. Kein Laut kommt von ihnen, sie sind momentan scheinbar ohne Strom.

Das Bett umrundend erreiche ich den weißen Vorhang, welcher dieses "Krankenzimmer" abgrenzt und drücke ihn beiseite. Vor mir enthüllt sich der Rest der noch gut 20m tiefen Halle und ein Einblick in die verschiedenen abgegrenzten Bereiche. Zur rechten Seite, an die Wand gedrückt sind ein Bürotisch und diverse Küchenutensilien mitsamt einem Pritschenbett, einer kleinen Sofa-Ecke und einer ziemlich hässlichen Topfpflanze, die auch schon mal bessere Tage gesehen haben muss. Der als Blitz angesprochene liegt, den Kopf in einer harten Schräglage angesetzt, das er vom Körper wegguckt, aber gleichzeitig auf dem Bauch liegend mit dem angewinkelten Füßen in der Luft, vermutlich durch die Sofa-Lehne, dass man meint er müsse gleich runterfallen.

Den Blick nach links schweifend erkenne ich anhand der Fliesen welche fachmännisch ausgelegt wurden und dem seltsamen, mit einzelnen Fenstern versehenen Zeltvorhang, der das Areal abgrenzt einen Operationstisch, an den verschiedenste Geräte angeschlossen sind. Nur einsam brennt eine einsame Laterne dort und erleuchtet sanft den Bereich. Selbst von hier aus kann ich erkennen, dass die junge Frau, welche ich aus Fouquiers Schlachthof gerettet habe, auf dem Operationstisch liegt.

Etwas weiter zu linken, am anderen Wand-Ende der Halle, kann ich einen kleinen Arbeitsbereich erkennen, Aktenschränke und Kisten, Werkzeug und ein ziemlich demoliert wirkender Heimcomputer an dem der Weißkittel sitzt und gerade dabei ist, etwas einzutippen, während er verbissen auf den Monitor starrt, der ihn im grellen Weiß-Blau beleuchtet und seinem Gesicht eine bizarre Färbung gibt.

Der Wand entlang folgend kann ich die schwere Metalltür sehen, welche den Halleneingang verschließt, und die Spuren der Hallen-Außenwand, welche sich nach innen drückt. Der gesamte Bereich, der über unzählige Meter geht, drückt sich immer mehr Richtung Innenraum bis zu einem finalen Punkt kurz vor dem Hallen-Ende. Ups.

Ein Anflug von Kälte zieht sich durch meine Füße. Schüttle mich. Ein leichter Hauch fährt über meinen Rücken. Obwohl ich noch meine Hose trage, fehlen Socken, Schuhe, Hemd. Ein kurzer Blick über die Umgebung enthüllt mir nicht, wo meine Sachen sind. Wohl aber, dass der Weißkittel mich gesehen haben muss.

Ein paar Schritte weiter und ich stehe hinter seinem Monitor, während ich mir durch die harten Bartstoppel fahre, welche sich inzwischen gebildet haben. Starre auf ihn hinunter. Er schaut nicht hoch, wie ich da stehe, sondern tippt geradezu gemütlich weiter. Ab und zu ändert sich der optische Eindruck und die viel zu hoch eingestellte Helligkeit des Monitors strahlt in dann in einer anderen Farbkombination an.

Zeichner - Torn?

Torn? - Hmm?

Seine Nonchalance hat etwas Entnervendes an sich.

Zeichner - Wo sind meine Sachen?

Er schaut auf. Die Augen verengen sich zu dünnen Schlitzen, während er mich mustert, intensiv anguckt.

Torn - Sie sehen besser aus.

Zeichner - Sie weichen meiner Frage aus. Wo sind meine Sachen?

Er seufzt, und lehnt sich auf seinem Drehstuhl zurück. Verschränkt die Arme hinter dem Kopf, während er mit den Füßen langsam hin und her wippt, mich dabei konzentriert beobachtet. Ich verspüre den Drang, mich am Kopf zu kratzen und weg zu gucken.

Torn - Wenn sie die Überreste dessen meinen, was sie als Hemd getragen haben, die haben wir entsorgt.

Zeichner - Und was soll ich jetzt anziehen?

Er streckt den Arm aus, zeigt rüber zum "Wohnbereich" der Halle auf der anderen Seite, wo Blitz immer noch auf dem Sofa sein Nickerchen hält. Bei genauerer Betrachtung fallen mir die tiefen Augenringe auf. Torn wirkt erschöpft. Er muss schon länger aktiv sein.

Torn - Unter dem Bett stehen ein paar Kisten. Leihgaben. Bedienen sie sich.

Und er dreht sich mit auf seinem Stuhl um die eigene Achse, während er mich immer wieder anguckt, dann mit der einen Hand, hinter dem Kopf hervor nehmend, mir zu wedelt, als ob ich abhauen könne.

Torn - Na los, sie wollen doch nicht den Rest des Tages hier halb nackt rumstehen.

Während meine Füße mich auf den Weg zum Wohnbereich bringen, komme ich am "Operations-Bereich" vorbei. Durch das planen-artige Fenster kann ich sie sehen, wie sie auf dem Operationstisch liegt. Eine Atemmaske auf, während ein paar Maschinen und unzählige Schläuche in den Körper hinein und hinausführen, irgendwo unter die dünne, schützende Decke. Ich kann nicht anders, als stehen zu bleiben, und diesem faszinierenden Schauspiel zu folgen. Fast unmerklich hebt und senkt sich die Decke, wo die Momente der Atmung stattfinden.

Zeichner - Wie geht es ihr?

Ein lautes Pfeifen von der linken Seite reißt mich aus der Beobachtungsstarre.

Torn - Anziehen, dann Quatschen.

Wie aus einer Trance gerissen, latsche ich, achselzuckend, weiter Richtung Wohnbereich. Als ich am Sofa vorbeikomme bemerke ich, dass Blitz inzwischen angefangen hat, Teile des Sofas zu fressen. Da er es scheinbar, wenn ich nach dem dunklen Fleck urteile, es auch vorher weich gesabbert hat, wird es sicherlich schmecken.

Unter der Pritsche befinden sich diverse Umzugskartons voll mit Kleidungsstücken, von Hemden zu Hosen und Schuhen, sowie einer Sammlung von sehr zusammen gewürfelten Jacken und anderen Utensilien.

Zeichner - Das kann nicht sein Ernst sein.

Es sind nur Hawaii-Hemden dabei.

Nur. Hawaii. Hemden.

In Kombination mit der Tatsache, dass die Schuhe ausschließlich aus Stöckel-Schuhen für Damen und mehreren Paaren durchgelaufener Sneakers bestehen, bleibt mir dabei aber letztlich wenig Wahl, weswegen ich das Hemd wähle, das den einheitlichsten, damit auch am stärksten gedämpften Farb-Stil hat. Das Bild das sich dabei ergibt, ist nicht weniger erschreckend. Wenigstens sind ein paar ordentlich...durchlöcherte Jacken dabei. Super. Werfe ein paar durcheinander, ehe ich eine grau-schwarze Halbleder-Jacke nehme, welche neben Brandlöchern auch schon bessere Tage gesehen hat, aber zu mindestens soweit vollständig zu sein scheint.

Es tut gut, selbst in diesem zusammen geworfenen Haufen langsam aber sicher wieder die Kleidung am Leib zu spüren, auch wenn der Versuch, mich anzuziehen mit Schmerzen verbunden ist in jedem Moment, in dem ich meinen Arm belaste. Aber es fokussiert den Geist. Schärft die Konzentration. Und sorgt für den Fokus auf das, was im Augenblick wesentlich ist.

Als ich, nun bekleidet, bei Torn stehe, kann ich das süffisante Grinsen auf seinem Gesicht sehen, das er garantiert noch länger tragen wird. Sein Blick folgt mir bereits, als ich hinter dem OP-Vorhang hervorkomme.

Zeichner - Machen sie ein Foto. Hält länger.

Torn - Von Ihnen? Länger als Sie, vermutlich.

Zeichner - Und der Rest?

Torn - Hat Blitz sicher verwahrt. Ihnen ist sicherlich bewusst, dass sie nicht hierbleiben können.

Zeichner - Ich bin gefährlich. Klar. Sie können nicht riskieren, mich hier zu behalten und ich kann nicht bleiben, weil ich einen Job zu erledigen habe.

Seine rechte Augenbraue zieht hoch, während er mich mit einer Mischung aus amüsierter Überraschtheit anschaut.

Torn - "Gefährlich". Eher für sie selbst, als für andere. Wenn das Syndikat raus bekommt, das sie Fouquier auf dem Gewissen haben, werden sie nicht locker lassen, bis sie Sie gefunden haben. Und ich werde den Teufel tun, den Kopf für sie hinzu halten.

Zeichner - Ich hätte es nicht verlangt.

Mein Blick wandert zu den oberen Hallenfenstern, durch die man den dunklen, bewölkten Himmel durch den stetigen Regen kaum erkennen kann. In einiger Entfernung blitzt es auf.

Zeichner - Können sie für die junge Frau sorgen?

Torn - Ich habe ein paar Freunde, wo wir sie unterbringen können.

Zeichner - Freunde wie Candy?

Er zieht erneut eine Augenbraue hoch, atmet vernehmbar aus, schüttelt den Kopf.

Torn - Haben sie damit ein Problem?

Zeichner - Ich wäre nicht hier, wenn.

Er nickt, schaut dann rüber zum Wohnbereich. Pfeift laut, das es mir fast in den Ohren weh tut. Mit einem Mal zuckt Blitz hoch, wie vom selben gestochen. In seinem Mund noch immer das Stück Sofafüllung, an dem er zuletzt gearbeitet zu haben scheint.

Torn - Gib Mr.Zeichner seine "Sachen". Er will uns verlassen.

Blitz schaut für einen Moment bedröppelt, ehe er, sich schüttelnd, langsam zu uns rüber stapft. Mir dann meine Habseligkeiten überreicht. Viel ist es nicht. Wenig überraschend.

Blitz - Mhmm...okay, die 1911er, ein halbvolles Magazin, eine Brieftasche, Schlüssel und ein kaputtes Mobiltelefon.

Er reibt sich mit der einen Hand noch müde den Schlaf aus den Augen, während er mir die Sachen übergibt. Es hat etwas bedrückendes, diese Ansammlung zu sehen. Ein kurzer Blick in die Brieftasche. Ein Moment für einen kleinen Versuch?

Zeichner - Es...fehlt etwas Geld.

Blitz - Huh?

Torn - Sehen sie es als Behandlungspauschale an. Und jetzt raus hier. Jede Minute die sie hier sind, ist eine Minute zu lang.

Zeichner - Keine Sorge, ich bin schon weg.

Mit ein paar eifrigen Schritten erreiche ich die schwere Metalltür, und entriegle sie. Als sie vor mir aufschwingt, kommt mit der Geruch...nein, Gestank der Green Bay entgegen. Wind und Regen peitschen sich in Sekunden auf, wie um mich willkommen zu heißen, während ich den Blick auf den Pier richten kann und zur linken auf den abgehenden Bereich der zu den restlichen Docks führt.

Ein letzter Blick nach hinten. Torn sitzt immer noch an seinem Computer, während Blitz, an den Tisch gelehnt anfängt, eine Zigarette raus zu holen und anzuzünden.

Mit dem Schritt nach Draußen verlasse ich die Halle, trete in das Unwetter. Über mir knallt und peitscht das Unwetter Straßen und See. Hinter mir fällt die schwere Stahltür zu.